Erwidert die unendliche Liebe Christi mit eurer totalen ausschließlichen Liebe


Ansprache des Heiligen Vaters an die Virgines consecratae anläßlich des 25. Jahrestages der Promulgation des erneuerten Ritus der Jungfrauenweihe am 2. Juni 1995


Liebe Schwestern!

Ich bin froh über diese Audienz. Sie gibt mir die Möglichkeit der Begegnung mit euch anläßlich eures internationalen Treffens zur Feier des 25. Jahres der Promulgation des erneuerten Ritus der "Consecratio virginum" am 31. 5. 1970. Ich grüße die Organisatoren dieses Treffens und euch alle, die ihr hier zusammengekommen seid. Das Zweite Vatikanische Konzil hat angeordnet, daß der Ritus der Jungfrauenweihe, wie er im Pontificale Romanum vorlag, einer Revision unterzogen werde (Sacrosanctum concilium, 80). Es ging nicht nur um eine sorgfältige Revision der liturgischen Formeln oder rituellen Gesten, sondern darum, einen Ritus wieder aufzunehmen, der sich auf Frauen bezog, die nicht Instituten geweihten Lebens angehörten, und der viele Jahrhunderte nicht gebräuchlich war. Mit dem Ritus wurde auch der "Ordo virginum" wieder eingeführt, der seine juristische Gestalt, unterschieden von der der religiösen Institute, gefunden hat im Can.604 des neuen Codex des kanonischen Rechtes.

Der erneuerte Ritus und der Ordo sind also der Gemeinschaft der Kirche zurückgegeben. Das ist eine zweifache Gabe des Herrn, über die ihr jubelt und ihm dafür dankt. Aus ihr wollt ihr Motivation und Inspiration schöpfen für euren Eifer und für euren Einsatz. Ich meinerseits möchte zu euch sprechen mit der warmen Herzlichkeit, mit der sich die Bischöfe der frühchristlichen Zeit an ihre Virgines wandten. Die Wärme eines Methodios von Olympos, der als erster die christliche Jungfräulichkeit besungen hat; eines Athanasius von Alexandrien und Cyprian von Karthago, die die Jungfrauen einen erlesenen Teil der Herde Christi nannten; eines Johannes Chrysostomus, in dessen Schriften aufleuchtet, was das geistliche Leben der Jungfrauen zu nähren vermag; eines Ambrosius von Mailand, dessen Werke einen außerordentlichen Eifer für die geweihten Jungfrauen bezeuen; eines Augustinus von Hippo mit seiner scharfsichtigen und gründlichen Theologie der um des Himmelreiches willen gelebten Jungfräulichkeit; des heiligen Bischofs Leo I., der mit höchster Wahrscheinlichkeit der Autor des wunderbaren Weihegebetes Deus castorum corporum ist; des Leander von Sevilla, der einen ausgezeichneten Brief an die Schwester Florentia anläßlich ihrer Jungfrauenweihe geschrieben hat: Das ist eine bischöfliche Tradition, der ich mich gern anschließe.
Bei diesem bedeutsamen Anlaß möchte ich einige grundlegende Orientierungen unterstreichen, die euch in eurer besonderen Berufung in der Kirche und in der Welt leiten müssen.

Liebt Christus! Er ist Grund und Sinn eures Lebens. Für die Virgo consecrata ist, wie Leander von Sevilla betont, Christus alles: Bräutigam, Bruder, Freund, Erbteil, Lohn, Gott und Herr (Einführung in die Regel des Leander).
Das Mysterium von der Menschwerdung wird von den Vätern gelesen und gedeutet mit dem Schlüssel der Brautschaft, und zwar im "Kielwasser" der Interpretation des Apostels Paulus vom Tod des Herrn. Christus hat die Kirche so sehr geliebt, daß Er sich selbst hingegeben hat für sie (Eph 5,25). Auch das Ereignis der Auferstehung wird gesehen als bräutliche Begegnung des Auferstandenen mit der neuen messianischen Menschheit. So wurde die österliche Vigil gefeiert als Hochzeitsnacht der Kirche (St. Asterio Amaseno, Homilia XIX, in:Psalmum V, oratio V).
Das ganze Leben Christi steht also unter dem Zeichen des Mysteriums seiner Vermählung mit der Kirche (Eph 5,25). An diesem Mysterium habt auch ihr Anteil, liebe Schwestern, durch die Gabe des Heiligen Geistes und kraft einer neuen geistlichen Salbung (Pontificale Romanum, Ordo consecrationis virginum, Nr.16).
Erwidert die unendliche Liebe Christi mit eurer totalen und ausschließlichen Liebe. Liebt Ihn, wie Er sich wünscht geliebt zu werden in der Konkretisierung des Lebens: Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote (Joh 14,15.21). Liebt ihn, wie es eurem bräutlichen Stand entspricht, indem ihr seine Gesinnung übernehmt (vgl. Phil 2,5), seinen Lebensstil teilt, den Lebensstil der Demut und Sanftmut, der Liebe und des Erbarmens, des Dienstes und der frohen Verfügbarkeit, des unermüdlichen Eifers für die Ehre des Vaters und die Rettung des Menschengeschlechtes.

Der Stand der geweihten Jungfräulichkeit macht das Lob Christi spontaner, das Hören auf sein Wort leichter, er macht froher in seinem Dienst, und er schenkt euch öfter die Gelegenheit, ihm Verehrung durch eure Liebe darzubringen. Aber die geweihte Jungfräulichkeit ist nicht ein Privileg, sondern eine Gabe Gottes, die eine starke Verpflichtung zur Nachfolge Christi und zur Jüngerschaft einschließt. Die Gefolgschaft des Lammes im Himmel (Offb 14,6) beginnt auf der Erde, indem der schmale Weg gegangen wird (Mt 7,14). Eure Nachfolge Christi wird um so radikaler sein, je größer eure Liebe zu Christus, je klarer das Wissen um den Sinn der Jungfrauenweihe ist. In dem Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem habe ich in der Abhandlung über das evangelische Ideal der Gott geweihten Jungfräulichkeit daran erinnert, daß sich in der geweihten Jungfräulichkeit der Radikalismus des Evangeliums ausdrückt: Alles verlassen und Christus nachfolgen (Nr.20).
Die Jüngerschaft wird um so intensiver sein, je tiefer eure Überzeugung ist, daß Christus der einzige Lehrer ist, dessen Worte Geist und Leben sind (vgl. Joh 6,63). Liebe Schwestern! Denkt daran, daß euer Platz wie der von Maria von Betanien (Lk 10,39) zu Füßen Jesu ist: hörend auf die Worte der Gnade aus Seinem Mund (Lk 4,22). Liebt die Kirche! Sie ist eure Mutter. Von ihr habt ihr durch den feierlichen Ritus unter Vorsitz des Diözesanbischofs (Ordo consecrationis virginum praenotanda, Nr.6, S.8) die Gabe der Konsekration erhalten. Ihrem Dienst wurdet ihr geweiht. Der Kirche müßt ihr euch immer eng verbunden wissen.

Nach der Lehre der Väter werden die Jungfrauen, wenn sie vom Herrn die Konsekration der Jungfräulichkeit erhalten, ein sichtbares Zeichen der Jungfräulichkeit der Kirche, ein Werkzeug ihrer Fruchtbarkeit, Zeugnis ihrer Treue zu Christus. Die Jungfrauen sind auch eine Erinnerung an die Orientierung der Kirche auf die zukünftigen Güter hin und eine Mahnung, daß die eschatologische Erwartung lebendig bleibt.
Euch, den Virgines, kommt es zu, euch in eurer Ortskirche großmütig zur helfenden Hand zu machen: Stimme ihres Gebetes zu sein, Ausdruck ihrer Barmherzigkeit, Hilfe für die Armen, Trost für ihre bedrückten Söhne und Töchter, Stütze für ihre Waisen und Witwen. Wir könnten sagen: Zur Zeit der Väter drückte sich die pietas und die caritas der Kirche zum großen Teil durch das Herz und die Hände der Virgines consecratae aus. Das sind Richtlinien und Aufgaben, die auch heute noch gelten. Ich selbst habe den anthropologischen Wert der Erwählung zur Jungfräulichkeit, wie sie sich in der Kirche vollendet, unterstrichen. Es ist ein Weg, durch den die Virgo consecrata ihre Persönlichkeit als Frau realisiert. In der freiwillig gewählten Jungfräulichkeit bestätigt sich die Frau selbst als Person, das heißt als ein Sein, das der Schöpfer von Anfang an um seiner selbst willen gewollt hat, und gleichzeitig verwirklicht sie den personalen Wert ihres Frauseins (Mulieris dignitatem, 20).

Nicht weniger als die Frau, die den Weg der Ehe geht, ist die Virgo consecrata fähig, die bräutliche Liebe auszudrücken: in der gleichen Liebe wird sie in der Kirche eine Gabe für Gott, für Christus, den Erlöser, für jeden Bruder und jede Schwester.
Liebt die Kinder Gottes! Eure totale und ausschließliche Liebe zu Christus trennt euch nicht von der Liebe zu allen Männern und Frauen, euren Brüdern und Schwestern, da die Horizonte eurer Liebe - gerade weil ihr dem Herrn gehört - die Horizonte Christi sind. Nach dem Apostel Paulus sorgt sich die Jungfrau um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist (1 Kor 7,34). Sie ist auf der Suche nach dem, was droben ist, wo sie Christus findet, der zur Rechten Gottes sitzt (Kol 3,1). Dieser Umstand jedoch macht euch nicht unbeteiligt gegenüber den großen Leiden der irdischen Stadt, ihren Ängsten und Kämpfen, ihren Konflikten und der Trauer, die hervorgerufen wird durch Kriege, Hunger, Seuchen und die verbreitete Kultur des Todes. Habt ein barmherziges Herz, das teilnimmt an dem Leid der Brüder! Setzt euch ein für die Verteidigung des Lebens, für die Förderung der Frau, für die Respektierung ihrer Freiheit und ihrer Würde.
Ihr wißt: Ihr, die ihr Jungfrauen um Christi willen seid, werdet Mütter im Geiste (Ordo, Nr.16), in Liebe mitarbeitend an der Evangelisation des Menschen und an seiner Förderung.

Liebt Maria von Nazaret, die erste Frucht der christlichen Jungfräulichkeit: demütig und arm, Verlobte Josefs (Mt 1,18), eines gerechten Mannes aus dem Hause Davids (Lk 1,27). Maria wurde durch ein besonderes Privileg und wegen ihrer Treue zum Ruf des Herrn die Jungfrau-Mutter des Sohnes Gottes. Maria ist so das vollkommene Bild, die Ikone der Kirche als Mysterium der Einheit und der Liebe, Bild der Kirche in ihrem Sein als Jungfrau, als Braut und als Mutter.
Maria ist auch, wie Leander von Sevila bemerkt, Gipfel und Prototyp der Jungfräulichkeit. Sie war an Leib und Geist voll und ganz das, was ihr mit allen Kräften zu sein wünscht: Jungfrau mit Leib und Seele, Bräute, durch die totale und ausschließliche Hingabe an die Liebe Christi, Mütter durch die Gabe des Geistes.

Liebe Schwestern! Maria ist eure Mutter, Schwester und Lehrerin. Lernt von ihr, den Willen Gottes zu erfüllen und seinen Heilsplan anzunehmen, sein Wort zu bewahren und mit ihm den Ereignissen des Lebens zu begegnen, sein Lob zu singen für das Große, das er für die Menschheit getan hat. Lernt teilzunehmen am Mysterium des Leidens, lernt Christus zu den Menschen zu tragen und zu bitten für alle, die es brauchen. Seid mit Maria im Hochzeitssaal, wo man feiert und Christus sich seinen Jüngern offenbart als der Messias-Bräutigam; seid mit Maria unter dem Kreuz, wo Christus sein Leben opfert für die Kirche. Bleibt mit ihr im Abendmahlssaal, dem Haus des Heiligen Geistes, der sich ausgießt als göttliche Liebe in der Braut-Kirche.
Mit der Hilfe der heiligen Jungfrau bleibt treu. Die Jungfrauen, die das Leben der Kirche in allen Jahrhunderten bereichert haben, mögen euch ein Beispiel sein.
Es begleitet euch die Versicherung meines beharrlichen Gebetes und ein besonderer Segen.

(L'Osservatore Romano, dt. 15. Sept. 1995)